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«Es lohnt sich immer, die Komfortzone zu verlassen»

ArtNight-Künstlerin Bianca Bachmann (38) hat früher auf Sicherheit gesetzt. Bis sie gemerkt hat, wie bereichernd es ist, Neues auszuprobieren. Ihre offene Art erlaubt es ihr, mehrere Perspektiven einzunehmen und Mitmenschen mit grosser Empathie zu begegnen. Wenn sie in der Zeit zurückreisen könnte, würde man sie inmitten der Dadaismus-Bewegung im Zürcher Niederdörfli antreffen.

Bianca, du hast die Schule für Gestaltung in Zürich besucht. Wie ging es für dich nach deiner Ausbildung weiter?
Ich bin sehr vielfältig unterwegs. Ich habe lange als Grafikerin gearbeitet. Im Moment bin ich wieder in einem neuen Studium: Ich bilde mich zur Mentaltrainerin und zum Coach aus. Das Spannende dabei ist, dass ich auch dort die Kunst miteinbeziehen kann. Die beiden Aspekte schliessen sich nicht aus. Ich gebe beispielsweise Beratungen in meinem Atelier und male mit den Leuten. Mit Visualisierungen zu arbeiten hilft sehr. Egal ob ich als Coach oder ArtNight-Künstlerin unterwegs bin, es ist alles vernetzt. Ich finde immer wieder Parallelen, die positive Gefühle in den Menschen wecken.

Wie bindest du das Kreative in deinen privaten Alltag ein?
Für mich funktioniert das Kreativsein ähnlich wie die Kommunikation: Man kann nicht nicht kommunizieren. Durch mein gestalterisches Studium habe ich eine Sensibilität entwickelt, durch welche für mich alles im Alltag kreativ ist. Zum Beispiel schaue ich Staubpartikel, die in der Luft herumfliegen oder einen zufälligen Kaffeefleck heute ganz anders an als im Alter von 16 Jahren. Kreativität ist ein Teil von mir geworden – sie ist nicht nur ein Job oder eine Ansichtssache, sondern gehört zu mir und allem was ich mache.

Staubpartikel, die in der Luft herumfliegen, oder einen zufälligen Kaffeefleck, schaue ich heute ganz anders an als im Alter von 16 Jahren.


Deine ArtNight Stadt ist Winterthur. Was macht diese Stadt für dich besonders?
Meine Stammlocation, die Ida-Beiz, ist für mich Winterthur pur: Man fühlt sich einfach wohl, es ist unkompliziert und offen. Es ist wie ein nach Hause kommen, einfach gemütlich. Und genau diese coole Atmosphäre ist für mich typisch Winterthur. Die Menschen sind kulturell begeisterungsfähig, offenherzig und locker.

Was ist deine Motivation, andere Menschen zur Kreativität zu bewegen?
Ich möchte den Menschen etwas geben, was sie bereichert. An den ArtNights sowie im Coaching treffe ich immer wieder auf Leute, die sich nach längerer Zeit dazu überwunden haben, etwas Neues auszuprobieren und kreativ werden ohne dass sie wirklich von sich selbst überzeugt sind. Es bereitet mir in diesen Fällen grosse Freude, wenn ich mit ihnen zusammen einen neuen Weg ebnen kann. Es lohnt sich , über die eigene Komfortzone hinauszugehen und mal wieder etwas Neues zu machen.

Bewegst du dich auch selbst immer wieder aus der Komfortzone?
Ich war lange ein Sicherheitsmensch. Mit der Zeit habe ich mich dann gefragt, ob das Leben, welches ich zu jenem Zeitpunkt so gelebt habe, schon das ganze Potential ausschöpft. Ich habe ein immer stärkeres Bedürfnis nach Wachstum verspürt, welches mich dazu motiviert hat, mal etwas Neues auszuprobieren und mich auch für neue Tätigkeiten zu bewerben. Da habe ich dann auch gemerkt «Wow, die Welt geht mit dieser Veränderung doch nicht unter – es ist sogar noch cooler als zuvor!».

Welche Entscheidung hat dich grosse Überwindung gekostet?
Es war ein riesiger Schritt, mir im Tessin ein zweites Zuhause aufzubauen. Ich habe nicht gewusst, ob es gut oder schlecht herauskommt. Heute verbringe ich beinahe mein halbes Leben im Tessin und freue mich jedes Mal runterzugehen. Das Risiko hat sich definitiv gelohnt.

Was zeichnet dich nebst diesem Hang zum Neuen als Künstlerin aus?
Sicher jahrelange Erfahrung. Und dass ich Menschen stets als Ganzes wahrnehme. Ich habe über die Jahre und durch meine Ausbildung herausgefunden, dass es nie nur ein «entweder oder» ist, sondern ein «sowohl als auch». Ich habe die Fähigkeit entwickelt, sehr vernetzt zu denken und mehrere Sichtweisen miteinzubeziehen. Dadurch kann ich mich sehr gut in andere hineinversetzen.

Wo findet man dich, wenn du nicht in deinem Atelier bist?
In der Natur! – Ich bin ein naturverbundener Mensch. Mein Rustico im Tessin steht in “the middle of nowhere” – das ist ein wunderbarer Ausgleich zum städtischen Alltag, in dem ich viel mit digitalen Medien zu tun habe. Auch wenn ich selbst im Tessin nicht komplett offline bin, geniesse ich es sehr, ein wenig weg zu sein.

Hast du ein Lieblingszitat?
Ich lebe nicht nach vielen Glaubenssätzen – aber was mich schon immer begleitet hat ist der Satz «alles ist relativ». Ich stelle gerne Dinge in Frage und philosophiere – das öffnet den Horizont. Jeder Mensch hat seine eigene Sichtweise und trägt auf seine/ihre Weise dem Laufe der Welt bei. Nichts ist objektiv im Leben.

Hast du ein Vorbild, mit dem du gerne einmal zu Abend essen würdest?
Ich habe zwar keine spezifische Person, mit der ich einen Abend verbringen möchte, aber wenn ich könnte, würde ich zurückreisen in die Zeit, in welcher der Dadaismus in Zürich entstand. Ich würde mich dann sehr gerne in die Dada—Bar im Niederdörfli setzen und all die Künstler in ihrem Schaffen beobachten. Diese Kunstbewegung fasziniert mich, da sie sich deutlich von vorherigen unterscheidet und alles möglich macht – alles ist Ausdruck.

Auf welches Kunstwerk bist du besonders stolz?
1997 haben wir im Sonderfach Gestaltung eine Bilderausstellung organisiert und ich konnte eines meiner Kunstwerke verkaufen. Ich werde diesen Moment nie mehr vergessen! Das war ein wahnsinniger Motivationsschub. Das Bild war ein Zweierset – ein surreales Schachfeld mit Pusteblumen. Ich denke immer wieder an dieses Bild – es hat sich für mich so angefühlt, als ob ich ein Stück meines Herzens abgeben würde. Mit dem verdienten Geld konnte ich endlich meine langersehnten Buffalo-Schuhe kaufen, die damals voll im Trend waren (lacht).

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