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«Ein Kunstwerk im Museum ist wie ein Tier im Zoo»

ArtNight-Künstlerin Paula Weimann (28) liebt es, unterwegs sowie auf den Strassen von Bern an ihren Kunstwerken zu arbeiten und dabei mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Ihr grosser Optimismus hilft ihr dabei, Unfälle bei der Arbeit und im Alltag kreativ zu nutzen und stets Neues zu entdecken.

Von Hannah Engeler

Paula, die Kunst begleitet dich schon seit deiner Kindheit. Welchen Aspekt schätzt du dabei am meisten?
Die performativen Möglichkeiten. Am liebsten arbeite ich umgeben von Zuschauern, mit denen ich dann interagieren kann. So habe ich beispielsweise bei der öffentlichen Präsentation der Gedichte meiner Masterarbeit alle Fragen dichtend beantwortet. 

Hast du ein Lieblingszitat?
Auch wenn ich sehr viel und gerne lese, habe ich kein Lieblingszitat. Ich bin ein grosser Fan von Theorien, welche meist nicht in einem einzelnen Satz zusammengefasst werden können. Ich habe aber meine eigenen Zitate, die ich oft in meinen Skizzenbüchern festhalte, so zum Beispiel „Ein Kunstwerk im Museum ist wie ein Tier im Zoo.“

Durch deine Tätigkeit als ArtNight-Künstlerin bringst du Kunstwerke in lokale Restaurants und Bars. Was ist für dich das Besondere daran, ArtNights zu leiten?
ArtNight hat mich von Anfang an gepackt. Ich finde es einfach schön, dass es einen Ausgleich zum sonstigen Party-Leben gibt und man den Menschen ermöglicht, sich kreativ zu betätigen. Nicht jeder geht gerne in Clubs und Bars feiern – auch für Menschen, die sich abends gerne kreativ ausleben möchten, gibt es jetzt etwas in Bern zu erleben. Für mich als Künstlerin sind die ArtNights eine stetige Herausforderung, da ich nie im Voraus weiss, wer teilnehmen wird oder was während der ArtNight passiert. Diese Ungewissheit macht jeden Tag aufregend und spannend. Ich lerne an jeder ArtNight etwas Neues. Ich liebe es auch mit Unfällen umzugehen (lacht).

An welchen dieser Unfälle erinnerst du dich heute besonders gerne zurück?
Derjenige an meiner allerersten ArtNight (lacht). Das Motiv war die Tänzerin. Eine Teilnehmerin hat versehentlich ihren Champagner über das Bild der Dame vor ihr gekippt. Diese war durch den Vorfall so gelöst, dass all ihre Zurückhaltungen abfielen. Da sie sich gedacht hat, dass „jetzt ja eh nichts mehr schief gehen kann“, konnte sie total hemmungsfrei malen. Ihr Kunstwerk sah am Ende so toll aus!  

Du bist ArtNight-Künstlerin in Bern, wo du auch wohnst. Was macht diese Stadt für dich einzigartig?
Bern hat einfach eine sehr grosse Gemütlichkeit. Manche meinen wir Berner seien langsam, Ich denke wir Berner sind gemütlich. Bern hat etwas Urchiges und Heimeliges was ich bei anderen Städten bisher nur bedingt erlebt habe.   

Was treibt dich dazu an, Menschen zum Kreativsein zu motivieren?
Ich finde man kann sich auf eine ganz andere Art ausdrücken. Einige benutzen gerne Worte, andere eine Performance oder eben Bilder. Kreativ zu sein gibt uns die Möglichkeit, das auszudrücken, was in uns drin ist: Woran wir arbeiten möchten, welche Wünsche, Träume und Hoffnungen wir haben, was wir gerne oder auch weniger gerne haben. Ich ermutige meine Kursteilnehmer auch immer dazu, dass man ihre Emotionen im Bild sehen darf. Das gibt den Bildern Kraft.

Was macht dich als Künstlerin besonders?
Da gibt es vieles (lacht). Etwas, was mich ausmacht, ist, dass ich fast ausschliesslich mit Portraits arbeite. Ich fokussiere mich dabei nicht nur auf das klassische Gesicht als Porträt, sondern auch Portraits im erweiterten Sinn, so zum Beispiel eine schriftliche Biografie oder das Portrait einer Landschaft. Dabei arbeite ich fast ausschliesslich mit Recycling und Upcycling. Mein Mentor hat mit während einer meiner Vorkurse etwas gesagt, was mich bis heute berührt: „Paula, du bist reich“. Er hat damit natürlich nicht meine finanziellen Mittel gemeint, sondern meine Vielfältigkeit (lacht). Diese Vielfältigkeit und meine Fähigkeit, sehr spontan reagieren zu können zeichnen mich aus. Und ich habe einen riesigen Optimismus.  

Hattest du diesen Optimismus schon immer in dir oder ist er über die Jahre zusammen mit deinem kreativen Schaffen gewachsen?
Beides. Ich habe mich irgendwann bewusst dazu entschieden, optimistisch zu sein. Und es macht einfach wirklich Spass, optimistisch zu sein. Durch den Optimismus kann man das Positive im Alltag viel stärker wahrnehmen. Es können auch kleine Dinge wie ein schöner Stein am Strassenrand sein – sogar dieser kann mir eine Riesenfreude bereiten. Es gehört natürlich auch dazu, dass man negative Gefühle zulässt – ich versuche dabei einfach, nie den Blick auf das Positive zu verlieren. Es gibt immer einen Grund, wieso etwas so passiert, wie es passiert.

Auf welches deiner Kunstwerke bist du besonders stolz?
Auf das riesige Bild eines Frauenkopfs, welches ich im Studium erstellt habe. Das Werk ist circa zwei Meter gross. Anstatt neues Material zu kaufen, habe ich die Bodenabdeckung von anderen Studierenden als Leinwand benutzt.    


«Ich habe mich irgendwann bewusst dazu entschieden, optimistisch zu sein »


Was machst du, wenn du nicht im Atelier anzutreffen bist?
Obwohl ich mittlerweile zwei Ateliers habe, benutze ich diese eigentlich nur als Aufbewahrungsort für meine Bilder und Materialien. Ich arbeite am liebsten draussen und unterwegs. So kann ich während der Arbeit mit anderen Leuten ins Gespräch kommen. Als ich einmal im Zug anfing, Post-Its ans Fenster zu kleben, meinte einer der Kondukteure: „So etwas habe ich jetzt aber auch noch nie gesehen.“ Durch Interaktionen wie diese kann ich Leute überraschen und ihnen neue Perspektiven auf den Weg mitgeben – das liebe ich.

Hast du ein Vorbild, in dessen Haut du gerne für einen Tag schlüpfen würdest?
Es gibt da einige, die meisten von ihnen sind leider bereits tot. Ich bin sehr fasziniert von Josef Beuys und seinem theoretischen Konstrukt der „sozialen Plastik“ sowie Leonardo Da Vinci und seiner Vielfältigkeit, seinen Erfindungen und der Hang zur Anatomie. Auch Tattoo-Künstler finde ich beeindruckend! Ich finde es spannend, wie sie den Menschen als lebende Leinwand mit ihrer Kunst erfreuen.


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